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In Oberhessen haben nicht nur die meisten Familien noch einen Übernamen oder auch Dorfnamen, auch die einzelnen Dörfer führen im Volksmund zumeist noch eine nicht offizielle Bezeichnung. In vielen Fällen sind sie aus dem Volkswitz entstanden. Ein anregender Vorfall gab vielleicht den Anlass zum Witzeln, zuweilen wird der Anlass zur Taufe eines Ortes auch nachträglich erfunden worden sein. Das ist aber gleichgültig; die Hauptsache ist, dass die Dorfbewohner über ihre Spitznamen schmunzeln. Den Glashüttern wird nachgesagt, dass sie in alter Zeit so schnell wie Hirsche gelaufen seien, einerlei, ob vorwärts oder rückwärts. Und dann hätten sie oft mit ihrem Geweih geforkelt, das bedeutet, dass sie keinem Streit, aber auch keiner Geselligkeit aus dem Wege gegangen sein sollen, was ihnen den Spitznamen "Hütter Hirsch" eingebracht hätte.
Ganz gleich auf welcher Seite sich der Wanderer unserem am Südhang des Vogelsberges gelegenen Dorf nähert, ob aus dem Wald von Hirzenhain, ob aus dem dunklen Tannengrün auf der Straße von Eichelsachsen, ob über die Höhe hinweg von Ober-Lais her, oder ob er seine Schritte vom nahen Steinberg her nach der Hütt wendet, immer fallen ihm aus dem engen Gewirr der Giebel und Dächer zwei Gebäude besonders auf. Es ist einmal das 1957/58 erbaute schmucke Kirchlein in seinem landschaftsgebundenen Baustil. Von hier schweift der Blick über das Tal des Hillersbaches hinweg zum gegenüberliegenden Hang, wo das stattliche Schulhaus steht.
Glashütten war bis kurz nach dem zweiten Weltkriege das jüngste Dorf des Vogelsberges, obwohl die beiden zur ehemaligen Gemeinde gehörigen Weiler Streithain und Igelhausen schon in den Urkunden des 12. Jahrhunderts Erwähnung finden. Wir dürfen uns unter den damaligen Dorfsiedlungen keine Dörfer in unserem heutigen Sinne vorstellen. Die älteste Siedlungsform in unserer Gegend ist der Einzelhof. Erst die Nachbarschaftslage einiger Höfe schuf ein lockeres Gemeinschaftsgefüge, ein Dorf. Ein solches Dorf jener Zeit würden wir heute nur als Weiler bezeichnen. Das Dorf Glashütten ist, wie sein Name besagt, an der Stelle einer alten Glashütte entstanden. Allerdings geht das Dorf nur mittelbar auf die Glashütte zurück. Sicher werden ja die Arbeiter der Glashütte fast ausnahmslos bei der Hütte gewohnt haben. Aber nach dem Eingehen der Glashütte entfiel doch der Grund zum Wohnen an dieser Stelle, die - das Hillersbachtal ist hier den rauhen Nordwinden offen und recht zugig - für mittelalterliche Begriffe einer Siedlung wenig günstig war. Wenn trotzdem in der Folgezeit gerade an dieser Stelle eine kleine Siedlung entstand mit dem Ortsnamen Glashütten ("de Hett"), so sind dafür Veränderungen in der Landeshoheit die Grundlage, die damals in diesem Teil unserer Heimat vor sich gingen. Die beiden Weiler Streithain und Igelhausen waren die Vorläufer des Dorfes Glashütten. Sie haben bis zur Zusammenlegung ihrer Feldmarken zur heutigen Gemarkung Gashütten ganz verschiedene Schicksale gehabt.
Wohl um 1450 entstand die Glashütte, die unserem Dorf den Namen geben sollte. Diese Glashütte wurde von einem Mann namens Fricken Bartlin betrieben. Eine Urkunde räumte ihm das Recht ein, das Gehölz zu gebrauchen. Neben dem festgesetzten jährlichen Zins sind 100 Gläser an die Kellerei zu Nidda zu liefern. Bei einer Grenzregulierung im Jahre 1572 wird die Hütte nicht mehr erwähnt. Sie war eingegangen, nachdem unter ihrem Schmelzofen die Wälder der Umgebung soweit verfeuert waren, dass nach 1580 im ganzen Streithain kein Kohlholz mehr geschlagen werden konnte.
Als um 1840 die Kreisstraße durch Glashütten gelegt wurde, fanden sich in der Nähe des ehemaligen Schulhauses (heute das bäuerliche Anwesen Horst Maurer) und auf der aufgelassenen Mühle des Karl Repp jetzt Anwesen von Minna Ritzel) im Boden große Mengen von Glasscherben und Schlacken. Ähnliche Funde machte Erhard Böck bei den Ausschachtungsarbeiten zu seinem Neubau. Der Standort der Glashütte scheint demnach eindeutig festgestellt. Bei Bodenuntersuchungen am alten Schötterweg im Jahre 1927 stieß man auf quarzhaltiges Mineral, so dass auch die Frage nach der Herkunft des Minerals, das die Glashütte verarbeitete, beantwortet sein dürfte.
Die Waldblößen, die die Glashütte mit ihrem enormen Holzverbrauch geschaffen hatte, schufen Raum für eine Siedlung. An Stelle der alten Glashütte entstand eine Mühle für den Bedarf der neuen Siedlung, die um das Jahr 1584 auch amtlich den Namen Glashütten erhielt. Die Mühle mit einem oberschlächtigen Wasserrad wurde durch das Wasser des Hillersbaches getrieben. Oberhalb Streithains wurde das Wasser in einem langen schmalen Kanal an den beiden Streithainer Mühlen vorbei nach Glashütten geleitet. Der Abfluss erfolgte durch eine etwa 1 1/2 m tiefe Schlucht zwischen den Anwesen von Jesberg und Fischer. Nach Auflassung des Mühlkanals 1931 verschwand der künstliche Wasserweg durch Auffüllung mit Erde aus dem Dorfbild. Die allernächste Umgebung der erwähnten Mühle wird wohl das Kernstück des Dorfes gewesen sein. Dieser Teil wird begrenzt vom Hillersbach, vom großen Wiesenweg, von der heutigen Hauptstraße und reichte bis zur ehemaligen Straße nach Eichelsachsen und Streithain. Ursprünglich sind es niedrige Häuschen mit kleinen Fenstern in einfacher Fachwerkbauweise gewesen. Oft wohnten in solchen Häuschen 2 kinderreiche Familien.
So erzählte der 1964 verstorbene Bürgermeister Otto Föller, dass aus seinem Geburtshaus in der Brunnenstraße gleichzeitig 13 Kinder die hiesige Volksschule besuchten. Er selbst sei im "Schübbelbett" groß geworden. Unter dem Schübbelbett stelle man sich einen mit Stroh ausgelegten beweglichen Bettkasten vor, der tagsüber unter das Ehebett geschoben wurde, um Platz in dem engen Raum zu gewinnen. Nachts wurde dieser Kasten wieder hervorgeholt und diente mehreren kleinen Kindern als Bettstatt.
Über den Hillersbach führte in früher Zeit noch keine Brücke. Die Fahrzeuge querten den Bach in einer breiten Furt, die Einwohner benutzten Trittsteine, um trockenen Fußes über den flachen Wasserlauf zu kommen.
Wichtige Aufschlüsse ergaben sich, als Erhard Böck im Jahre 1949 in diesem Bereich zwei käuflich erworbene kleine Anwesen abriss, um Platz für einen Neubau zu schaffen. Das eine Haus mit der im Hauptbalken eingehauenen Jahreszahl 1648 war etwa 4 x 6 m groß. Es bestand aus 2 Räumen und Küche. Die Küche war mit roh zugerichteten Basaltplatten ausgelegt. Als man den Keller aushob, stieß man auf verfärbte Lehmschichten, die zur Vorsicht mahnten. Man legte einige starke Knochen frei, die von Herrn Dr. Federlin einwandfrei als Menschenknochen erkannt wurden. Ebenso wurden ein Ölkännchen und irdenes Geschirr geborgen. Leider hat man diesen Funden nicht genügend Beachtung geschenkt. Sie gingen verloren. Beim Abriss des benachbarten Hauses entdeckte man im Grund altes Mauerwerk und angekohlte Balken. Es ist daher als sicher anzunehmen, dass sich schon vor dem 30-jährigen Krieg an dieser Stelle Häuser befunden haben, die wohl mit zu den ersten überhaupt gehört haben mögen.
Der Umfang des Dorfes blieb nun bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts unverändert. Erst da setzt eine sichtbare Bautätigkeit ein, wie die Inschriften an den Längsbalken einiger Häuser erkennen lassen: Anwesen Reinhard Ullrich: 1795 Johannes Birkenstock von Busenborn "Wer will bauen an Gassen und Straßen, der muss einen jeden können reden lassen" Anwesen Emma Schmidt: 1795 Anwesen Reinemer/Stock: Konrad Rau und der Frau Anna Katherina Philipp Koch von Fauerbach der Zimmermeister war. Diese Inschrift ist schon stark ausgewittert und nur noch schwer lesbar. Jahreszahl: 1812.
Das letztaufgeführte Grundstück hat den Hausnamen: Zollhaus, und seine Bewohner sind "Zöllers". Bisher konnte nicht eindeutig nachgewiesen werden, worauf sich die Bezeichnung "Zollhaus" gründet. Das Anwesen war das letzte Haus an der früheren Dorfstraße in Richtung Eichelsachsen und dem Hof Zwiefalten. Vielleicht wurde hier im Auftrag des Landgrafen ein Wegegeld für Fuhrwerke erhoben, die sich auf dem Wege nach Schotten oder nach Frankfurt befanden. Auch das durch die Erneuerung des Türstockes halbverdeckte aus Holz geschnitzte Wappen über der Tür gibt keinen Aufschluss. Das Dorf vergrößert sich zunächst nach der abschließenden Straße Ober-Lais Eichelsachsen, und beiderseits der heutigen Hauptstraße entstehen Hofreiten im Stil des "Vogelsberger Bauernhauses" (Eindachhaus). Jenseits des Baches waren inzwischen auch die Hofreiten von Schmidt, Buch und Scharmann entstanden. Ein über Eck gestellter Stall von Scharmann ließ nur einen schmalen Durchlass frei zum Grundstück Schmidt, das "Hannches Gässchen". Mühl- und Brunnenstraße (hier war die Hofreite von Karl Preisch das Ende der Straße) gab es noch nicht. Schmale Wiesenpfade führten nach Igelhausen und in die Fluren am Schwarzwald.
Neben der Furt befand sich ein langer gehauener Balken, der den Einwohnern einen bequemen Übergang über den Hillersbach ermöglichte. Dieser Steg, der wahrscheinlich beim Bau der zweibogigen Steinbrücke im Jahre 1841 liegen blieb und mit Erde bedeckt war, wurde 1936 bei den Ausschachtungsarbeiten für die Wasserleitung wieder aufgefunden.
In der Nähe des Feuerwehrgerätehauses führte eine aus einem Stück bestehende blaue Basaltplatte über den Hillersbach. Sie war 4 m lang und 1 m breit. Bei der ersten Flurbereinigung 1934 musste die Platte einer Fahrbrücke weichen. Aus dem Flusspfad wurde ein leicht ausgebauter Feldweg, der die Verbindung zwischen Brunnenstraße, Großer Wiesenweg und Streithainer Straße schuf. Am Ufer des Hillersbaches zwischen den beiden Brücken gab es um die Jahrhundertwende auch noch 3 Waschsteine, die schräg ins Wasser ragten. Hier wurde im fließenden Wasser die bunte Wäsche gewaschen. Mit einem Holzschläger wurden die Wäschestücke bearbeitet. Die nun über eine Brücke führende Straße in Richtung Steinberg war zunächst beiderseitig unbebaut. Mit Rücksicht auf die mit Kühen bespannten Fuhrwerke hatte man den steilen Hang, der sich vom Hillersbach bis zur Eich erstreckte, in Straßenbreite abgetragen, so dass hier ein Hohlweg ("de Hohl") entstand. Die Lehmhänge boten der Jugend nach dem Regenwetter eine willkommene Schlitterbahn.
Nach dem ersten Weltkrieg wuchs der Bedarf an Wohnungen. Der Wunsch nach verbesserten Lebensbedingungen, nach einem Eigenheim, war die Triebfeder zu einem neuen Bauabschnitt in der Gemeinde. Neubauten entstehen von 1920 bis zum Beginn des zweiten großen Weltringens in der Mühlstraße, in der Brunnenstraße und an der Hirzenhainer Straße. Das Dorf erweitert sich also am gegenüberliegenden Hang am linken Ufer des Hillersbaches. Nachdem sich das Aussehen des Ortes von Jahr zu Jahr verbesserte, fanden sich zunehmend Interessenten, die Glashütten zu ihrem Wohnsitz erwählten. Mehrmals musste sich der damalige Gemeinderat mit der Bereitstellung von Bauland befassen. Die Neubaugebiete "Auf der Eich" und "Am Kohlhaug" entstanden, und noch immer wieder finden sich Bauwillige und Interessenten, für die Bauland erschlossen werden muss. Ein kleiner Überblick nur, der uns in die Vergangenheit und in die Entwicklung der "Hütt" führen sollte. Wie viel Episoden, welch Originale, wie viele verschwundene Sitten und Gebräuche könnten noch aufgezeigt werden. Vielleicht geben diese Ausführungen Anregungen zu weiteren Erinnerungen. Der Chronist wäre dankbar dafür. Nur so viel sei dazu gesagt, dass ab 1900 die Zahl der Einwohner Glashüttens stetig steigt und mit ihr die Zahl der Kinder. 1907 unterrichtet Lehrer Altendörfer 63 Schüler. Der Raum der bestehenden Schule reicht nunmehr nicht aus, um einen ordnungsgemäßen Unterricht durchzuführen. Die Verhandlungen über den Neubau eines größeren Schulhauses ziehen sich über 3 Jahre hinaus und enden mit der feierlichen Einweihung im Dezember 1911. Auch die kleine Glocke zieht mit um. Sie erhielt ihren Platz in einem angebauten Türmchen und rief zum Schulbeginn und sonntags zum Gottesdienst. Dieses Glöcklein, 60 cm hoch mit einem Durchmesser von 52 cm wurde - bedingt durch den Umbau am Montag, dem 16. September 1974 von seiner luftigen Höhe zur Erde gebracht. Es trägt die Inschrift: "Anno 1786 goss mich in Giessen Friedrich Otto" Am Eingang zum Bürgerhaus hat die Glocke als Denkmal an die Vergangenheit Aufstellung gefunden.
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