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Das jüngste Dorf im Vogelsberg.

Ein Beitrag zur Siedlungsstunde Oberhessens. Von Fritz Sauer 1925.

Walter Diemer hat in seiner Arbeit: "Die Besiedlung des Vogelsberges" 1) gezeigt, dass die Siedlungstätigkeit im Vogelsberg mit dem Ende de 13. Jahrhunderts, wohl infolge der damals erlassenen Rodeverbote, im wesentlichen aufhörte. Diemer nennt nur zwei Orte, die späteren Ursprungs sind, nämlich die Waldenserkolonie Waldensberg bei Wächtersbach und Glashütten bei Gedern. Von diesen beiden interessiert uns hier nur Glashütten, da Waldensberg außerhalb der Provinz Oberhessens liegt.

Der Name Glashütten deutet darauf hin, dass das Dorf seine Entstehung einer Glashütte verdankt. Da es nach den Untersuchungen Landaus 2) in unserem Lande Glashütten erst seit Beginn des 15. Jahrhunderts gegeben hat, kann folglich die Entstehungszeit des Dorfes Glashütten nicht vor dem 15. Jahrhundert angesehen werden. Obwohl wir später sehen werden, eine Glashütte an dieser Stelle bereits um 1450 bestand, geht doch das Dorf Glashütten nur mittelbar auf sie zurück. Wohl mag die Glashütte Leute, die in ihr arbeiteten, zur Ansiedlung in unmittelbarer Nachbarschaft veranlasst haben , obwohl das an dieser Stelle den rauhen Nordwindenoffene, zugige Hillersbachtal für eine Dorfanlage wenig geeignet erscheinen mochte; doch würde wohl mit dem verschwinden der Glashütte auch der Grund zum Wohnen an dieser Stelle entfallen sein, wenn nicht andere Ursachen zur Beibehaltung und Vergrößerung der Siedlung und zu ihrer Selbständigmachung Anlass gegeben hätten. Diese Ursachen liegen in der Verschiebung der landesherrlichen Besitzverhältnisse, wie sie in unserer Gegend infolge der Reformation eintraten.

Ehe ich mit der Schilderung der Umstände, die zur Entstehung Glashütten führten, beginne, möchte ich einen Überblick über den heutigen Zustand geben. Das Kartenbild der Gemarkung Glashütten zeigt ohne weiteres, dass diese Gemarkung aus zwei ursprünglich voneinander unabhängigen Teilen besteht, die beiden von dem Hillersbach durchflossen werden und durch einen weit vorspringenden Gipfel der Gemarkung Ober-Lais fast ganz voneinander getrennt sind. Drei Siedlungen finden wir heute in der Gemarkung Glashütten. Im nördlichen, größeren Gemarkungsteil liegt dicht nördlich der Einschnürungsstelle das Dorf Glashütten selbst zu beiden Seiten des Hillersbachtales; weiter Bachaufwärts finden wir den Weiler Streithain. Im südlichen, kleineren Gemarkungsteil finden wir Igelhausen, das heute aus 2 Mühlen und einer Bauernhofreite besteht. Dies eigentümliche Gemarkungsbild erklärt sich dadurch, dass die Gemarkungen Igelhausen und Streithain noch mit ziemlicher Sicherheit beiden Weiler Streithain und Igelhausen entstanden ist. Es sind also diese beiden Weiler als die Vorläufer des heutigen Dorfes Glashütten anzusprechen, und es dürfte ohne weiteres klar sein, dass der Zeitpunkt, zu dem die beiden Gemarkungen zu einer einzigen verschmolzen wurden, auch als Entstehungszeitpunkt des Dorfes Glashütten anzusprechen sein wird.

Nun lässt sich der Zeitpunkt der Zusammenlegung der beiden Gemarkungen Igelhausen und Streithain noch mit ziemlicher Sicherheit bestimmen. Da wir weiter in der Lage sind festzustellen, zu welcher Zeit in unserer Gegend der Name Glashütten erstmalig erscheint und andererseits einen Zeitpunkt angeben können, zu dem die Namen der beiden Weiler letztmalig selbständig vorkommen, so ist mit diesen Daten die Entstehungszeit des Dorfes Glashütten mit hinreichender Genauigkeit festgelegt.

Die beiden heutigen Weiler Igelhausen und Streithain haben bis zur Zusammenlegung ganz verschiedene Schicksale gehabt. Beide stammen aus dem Besitz der Grafen von Nidda. Als Graf Berthold von Nidda im Jahre 1187 die Johanniter in sein Land ruft und sie mit Gütern und Einkünften belehnt, verleiht er ihnen auch eine Hafergülte in Strythagen. 3) Darüber hinaus ist der Einfluss der Johanniter in Streithain wohl nie gegangen. Streithain hat stehts zum Gericht Nidda gehört und ist mit diesem von den Niddaern an die Ziegenhainer und von diesen an Hessen gekommen. In Streithains Gemarkung entstand auch die Glashütte, wohl um 1450. Im Jahre 1476 gibt Henrich, Landgraf zu Hessen, Graf zu Ziegenhain und zu Nidd, dem Fricken Bartlin die Glashütte in Streithain in seinem Gericht zu Nidd als Erblehen mit dem Recht, sich das Gehölz in seinem Gericht dazu zu gebrauchen, so wie es der verstorbene Herman von der Rabenau, sein ehemaliger Amtmann, und Herman More, sein Rentmeister zu Nidd, vormals verliehen haben. Fricke hat als Erbzins 10 fl. jährlich und 100 Gläser in die Kellerei zu Nidda zu liefern.4) Noch 1572 ist Streithain selbständiges Dorf, wie aus dem Marburger Vergleich zwischen Hessen und Königstein von 1572 hervorgeht.5)

Igelhausen erscheint bei seinem ersten auftauchen bereits als Dorf. Am 03.01.1278 verkauft es Graf Ludwig von Ziegenhain zusammen mit dem Dorf Niedern-Leyfa, dem heutigen Weiler Unter-Lais, an die Johanniter.6) Es wurde von seinen Bewohnern verlassen und wurde zur Wüstung. Am 01.07.1448 verlassen die Johanniter ihre Wüstung Igelhausen für 380 rheinische Gulden Frankfurter Währung an Prior und Konvent des Klosters Hirzenhain, 7)nachdem anscheinend des Öfteren Streitigkeiten zwischen dem Orden und dem Kloster wegen des Holzhiebes in den Igelhäuser Waldungen , die an die des Klosters grenzten, vorgekommen waren.8) Unter der Herrschaft der Johanniter hatte Igelhausen zum Gericht Fauerbach gezählt, das dem Orden gehörte. Mit dem Übergang Igelhausens ans Kloster Hirzenhain war das Gebiet des Ordens auf die drei Dörfer Fauerbach, Ober-Lais und Unter-Lais beschränkt worden. Als im Jahre 1572 im Marburger Vergleich Hessen und Königstein den Besitz des aufgehobenen Klosters Hirzenhain untereinander teilten, fiel die Wüstung Igelhausen an Hessen. Dem Gericht Fauerbach, das noch Johanniterbesitz war, konnte sie nicht wieder einverleibt werden und musste deshalb dem Gericht Nidda zugeteilt werden. Es ergab sich die Notwendigkeit, die sehr "eng gespannte" Feldmark der Wüstung Igelhausen mit einer anderen Gemarkung zu vereinigen. Man verschmolz deshalb die beiden Gemarkungen Igelhausen und Streithain miteinander, zumal eine andere hessische Gemarkung nicht in der Nähe lag. Der neuen Gemarkung gab man einen neuen Namen. Man nannte sie und mit ihr die fast auf der Grenze der beiden alten Feldmarken entstandenen Neusiedlungen "Glashütte".

Ich habe oben bereits erwähnt , dass das Vorkommen der drei Ortsnamen Streithain , Igelhausen und Glashütten die eben entwickelte Ansicht stütze und dass zwischen dem Verschwinden der beiden ersten und dem auftauchen des letzten Namens die Entstehung des Dorfes Glashütten anzusetzen sein würde. Weder das Kopialbuch des Klosters Hirzenhain noch der Marburger Vergleich von 1572, deren beider Inhalt sich größtenteils auf unsere in Rede bestehende Gegend bezieht, und die beiden Streithain als selbständiges Dorf und Igelhausen als Wüstung nennen, kennen den Namen Glashütten. Aber bereits 1584 finden wir in Akten, die anlässlich des endgültigen Übergangs des Johanniterbesitzes in Nidda und Umgebung an Hessen erwuchsen, 9) das Dorf Glashütten erwähnt. Als damals die Einwohner des Gerichtes Fauerbach sich beschweren, dass sie keine Schafe halten können, weil die Nachbardörfer in ihr Gebiet hineinhüten, da wird unter den Dörfern, denen das Hüten im Gericht Fauerbach verboten ist, auch Glashütten genannt.

Demnach muss der Name Glashütten für die Gemarkung zwischen 1572 und 1584 in Aufnahme gekommen sein, und wir werden nicht fehl gehen, wenn wir als Entstehungsjahr der Gemarkung Glashütten das Jahr des Marburger Vergleichs annehmen

1) Geographische Mitteilungen aus Hessen Heft 5 Giessen 1900
2) Landau, Geschichte der Glashütten in Hessen (in Zeitschrift für hessische Geschichte und Landeskunde 3)
3) Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde Band 2 Seite 117-119
4) Müller, Das Aschaffenburger Kopialbuch des Klosters Hirzenhain (Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde N. F.11, Darmstadt 1916) Regest 203.
5) 1572. 11. 8 Marburg Orig. Perg. 8 Blatt mit den 4 Siegeln der Aussteller. Staatsarchiv Darmstadt (Urkunden Sichenhausen)
6) Müller, a. a. D. Regest 1.
7) Müller, a. a. D. Regest 115.
8) Müller, a. a. D. Regest 63.
9) Staatsarchiv Darmstadt 5 Conv. 40 fol. 140.


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